Sonntag, 5. Juni 2016

Ein Samowar in der Mischna



Meine Frau ist eine begeisterte Teetrinkerin. Besonders in den kalten Wintermonaten. Auch am Schabbat wollte sie ihrer Leidenschaft nachgehen. Deshalb haben wir uns diesen Wasserkocher besorgt.Bratscher Regina 40
Bratscher Regina 40

Er ist über Schabbat die ganze Zeit an, da man am Schabbat kein Wasser kochen darf.

Problem:
Es ist verboten am Schabbatvorabend ungekochtes Essen auf dem Herd zu lassen, sodass das Essen erst am Schabbat fertigwird. Dieses Verbot ist ein Zaun um die Torah, damit man nicht dazu kommt ein Verbot der Torah zu übertreten. Der Grund ist praktisch. Jemand empfängt Gäste am Schabbat und bemerkt, dass das Essen immer noch nicht fertig ist, er könnte dazu kommen die Flamme aufzudrehen. Dabei würde er 2 Torah Verbote übertreten, Feuer machen und Kochen. Auch wenn man die Flamme vor Schabbat voll aufdrehen würde ist es trotzdem verboten. Denn Sobald man am Schabbat das unfertige Essen auf dem Herd umrührt oder den Topf mit dem Deckel bedeckt, zählt es so, als ob man das Essen gekocht hätte, weil man den Prozess des Kochens beschleunigt.

Es gibt jedoch Ausnahmen bei denen es keine Befürchtung gibt, dass man die Gesetzte von Schabbat übertreten würde, sodass man das Essen am Schabbatvorabend auf der Flamme lassen kann. Wenn das Essen gekocht und fertig zum Auftischen ist, dient die Flamme nur als Wärmehalter. Folglich darf man das fertige Essen am Schabbatvorabend auf der Flamme lassen, es gibt keine Befürchtung, jemand würde die Flamme aufdrehen.

Lösung:
Ungekochtes Essen - Man kann unfertiges Essen auf der Flamme lassen, sodass es am Schabbat gekocht wird, wenn man verhindert, dass jemand am Schabbat die Flamme aufdreht. Heutzutage gibt es 2 Möglichkeiten. Das sog. Blech womit man die Kochplatte bedeckt dient als Erinnerung, dass es Schabbat sei und verboten die Flamme aufzudrehen. Oder man benutzt eine Schabbatplatte. Diese Platte wärmt mit konstanter Flamme, die von einem Blech bedeckt ist, man kann nichts einstellen oder verstellen. Dank diesen 2 Möglichkeiten kann man am Schabbatvorabend unfertiges Essen auf dem Herd oder Platte lassen, damit es am Schabbat gekocht wird.
Gekochtes Essen - Man kann das bereits fertige Essen am Schabbat auch aufwärmen. Wir machen das so, dass wir die Schabbatplatte an eine Zeitschaltuhr anschließen. Wenn wir aus der Synagoge nach Hause kommen geht die Platte an und wir nehmen das Essen aus dem Kühlschrank und stellen es auf die Platte.

Wasser- Bei Wasser ist das nicht so. Wenn gekochtes Wasser abkühlt zählt es so, als ob es in den ungekochten Zustand wieder zurückkehrt. Würde man also kaltes Wasser, oder eine Suppe, auf die Platte stellen, würde man die Gesetzte von Schabbat übertreten. Deshalb ist ein Schabbatkocher ein nützliches Gerät. Es lässt das Wasser über Schabbat nicht abkühlen, sondern hält es immer warm.

Geschichte
Wie war es früher? Wie haben Juden am Schabbat ihr Essen warmgehalten? 

Zur Zeit der Mischna kochte man mithilfe von Kohle. Um das unfertige Essen am Schabbat auf dem Herd zu lassen musste man die Kohle auskehren (גרף) oder die Kohle mit Asche bedecken (קטומה). Das Auskehren würde verhindern, dass man die Kohle anschürt, das Bedecken mit der Asche wäre ein Zeichen zur Erinnerung, dass man die Kohle nicht anschüren darf oder um sie abzukühlen.

Quelle
In der Mischna Schabbat 3,3 werden 2 seltsame Geräte beschrieben, die man nicht zum Kochen verwendete. Sie dienten dazu Speise und Getränke warm zu halten.


מולייר הגרוף שותין ממנו בשבת, אנטיכי אף על פי שהיא גרופה אין שותין ממנו
Ein Miliarium, hat man es ausgekehrt (die Kohle entfernt) darf man daraus am Schabbat trinken, ein Antichi, obwohl man es ausgekehrt hat, darf man daraus nicht trinken.


Was sind das für seltsame Geräte und warum bringt es nichts beim Antichi die Kohle zu entfernen? – Um das zu verstehen müssen wir uns die römischen Geräte zur Warmhaltung von Wasser anschauen.

Auf Altgriechisch heißen diese Geräte „Authepsa“ (αὐθέψης), das bedeutet wörtlich Selbstkocher. Sie sind die Vorgänger vom russischen Samowar (самовар), das auch Selbstkocher bedeutet. Auf Latein wurden sie „miliarium“ genannt.
Diese Selbstkocher sind Metallgefäße aus Eisen oder Kupfer. Sie bestehen aus mehreren Teilen, die man zusammenfügen kann. Hier ein Beispiel aus Pompeji:

Authepsa aus Pompeji

Authepsa aus Pompeji im Durchschnitt

Diese schöne Authepsa hat einen melonenförmigen Körper mit schneckenähnlichen Henkel und einen kegelförmigen Deckel. Der Heizzylinder befindet sich in der Mitte; er steht auf einem Rost. Auf dem Rost sind Löcher für die Luftzufuhr, damit die Kohle schön glüht. Die Löwenpfoten halten das Gerät über dem Boden, damit genügend Sauerstoff durch die Löcher am Rost zirkuliert. Durch die Röhre an der Seite gelangt Wasser in den Flüssigkeitsbehälter. Jetzt erwärmt die heiße Kohle das Wasser im Flüssigkeitsbehälter. Mithilfe des Ventils auf der linken Seite kann man den heißen Dampf und das heiße Wasser ablassen.

Unter den 15 Authepsae, die man bis heute gefunden habt, sind die meisten transportierbar. Man kann sie in die Tasche packen und ein Picknick machen. Für die Römer war eine Authepsa ein sehr luxuriöser Gegenstand, alle gefunden Authepsen sind sehr kunstvoll verziert, fast alle stehen auf Löwenpfoten. Die Römer verwendeten sie in Trinkmählern, um Calda herzustellen, eine Art Glühwein, aber auch Tee.

Authepsa aus Stabiae

Das ist eine stationäre, größere Authepsa. Der Aschenbehälter wird von vier Löwenpfoten getragen. Auf den Löwenpfoten sitzen Sirenen. Auf dem Aschenbehälter befindet sich ein Flüssigkeitsbehälter, auf dem eine Fratze sitzt (ein Mythenwesen?). Der Griff des Deckels ist auch ist einem Kopf verziert. Der halbrunde Zylinder daneben besteht aus einer Doppelwand, auf der ein Wasserhahn in Form eines Löwenkopfes sitzt. Der doppelwandige Zylinder ist mit dem Wasserbehälter verbunden.
Das Gerät funktioniert so: Deckel auf, Wasser rein. Das Wasser fließt durch das Rohr B in den Hohlraum des Zylinders C. Von hier aus kann es durch den Hahn D fließen. In der Mitte des halbrunden Zylinders brennt die Kohle und wärmt das Wasser in der Doppelwand. Der Aschenbehälter wird für die Lagerung von Kohle und Asche benutzt. Solange das Wasser im Flüssigkeitsbehälter auf der gleichen Höhe steht wie der Wasserhahn, fließt heißes Wasser. Jetzt kann man einen Tee machen. Auf den halbrunden Zylinder kann man auch einen Topf mit platzieren, sodass er von der Kohle gewärmt wird.

Ebenfalls aus Pompeji
Im Durchschnitt


Dieses 1m hohes Gerät funktioniert ähnlich wie die bereits erwähnten. Nur das man hier die Kohle durch die Türpforten reinlegt. Dann hängt man von oben einen Kessel mit Speise rein, so kann man es warmhalten.

Fragestellung:
Wenn wir uns wieder die Mischna anschauen, sehen wir, dass man alle diese Geräte benutzten darf, wenn man die Kohle auskehrt oder sie mit Asche bedeckt. Doch das trifft nur auf das Miliarium מולייר zu, was ist mit dem Antichi אנטיכי ? Warum darf man es nicht benutzten, obwohl man die Kohle entfernt hat? Was ist das überhaupt für ein Gerät?

Der Talmud Jeruschalmi 6a beschreibt diese Geräte so:

מולייר הגרוף שותין ממנו בשבת. הא אם אינו גרוף לא. אמר ר' שיין מפני שהגחלים נוגעות בגופו. אמר ר' חנינה בריה דר' הילל מפני שהרוח נכנסת בגופו והגחלים בוערות. אמר רבי יוסי בי רבי בון מפני שהוא עשוי פרקים פרקים הוא מתיירא שמא נתאכל דיבוקו והוא מוסיף מים

Aus einem ausgekehrten Miliarium darf man am Schabbat trinken. Wenn man ihn nicht ausgekehrt hat, dann nicht. Rabbi Schijan sagt: weil die Kohle seinen Körper berührt. Rabbi Hanina der Sohn von Rabbi Hillel sagt, weil der Wind in seinen Körper eindringt und die Kohle anfacht. Rabbi Jose ben Rabbi Abun sagt, weil es aus Teilen gemacht ist, er ist verängstigt, dass der Kleber abgeht, sodass er Wasser hinzufügt. 


אנטיכי אף על פי שגרופה אין שותין ממנה. רבי חנניה רבי יוסי ר' אחא אבא בשם רבי יוחנן מפני שהיא מתחממת מכתליה. רבנן דקיסרין רב הונא בשם רב אם היתה גרופה ופתוחה מותר

Aus einem Antichi, obwohl ausgekehrt, darf man nicht trinken. Rabbi Hanania, Rabbi Josi, Rabbi Acha Abba im Namen von Rabbi Jochanan, weil es von seinen Wänden geheizt wird. Die Rabbiner von Caesarea, Rav Huna im Namen von Rav, wenn es ausgeschürt und offen ist, darf man daraus trinken.

Der Grund dafür, dass man das Miliarium benutzten darf, wenn man die Kohle auskehrt ist also: 1. Die Kohle wird durch den Wind angefacht 2. Man würde aus Sorge um seine Einzelteile kaltes Wasser zugießen.  Doch die Begründung warum man den Antichi nicht benutzten darf finde ich etwas seltsam, nämlich: weil es von seinen Wänden geheizt wird. Was bedeutet das? Die Wände heizen das Gerät weiter, obwohl keine Kohle drin ist?
Nach der Meinung von Rav darf man das Gerät betreiben, wenn man die Deckel aufmacht, doch der Bavli 41a widerspricht dem:

היכי דמי מוליאר הגרוף? - תנא: מים מבפנים וגחלים מבחוץ. אנטיכי, רבה אמר: בי כירי. רב נחמן בר יצחק אמר: בי דודי. מאן דאמר בי דודי - כל שכן בי כירי. ומאן דאמר בי כירי, אבל בי דודי - לא. תניא כוותיה דרב נחמן: אנטיכי אף על פי שגרופה וקטומה - אין שותין הימנה, מפני שנחושתה מחממתה

Ein Miliarium, hat Wasser auf der Innenseite und Kohlen auf der Außenseite (Andere Lesart: Kohle auf der Innenseite und Wasser auf der Außenseite) … Folgendes wird übereinstimmend mit R. Nachman gelehrt: Aus einem Antichi darf man nicht trinken, selbst wenn die Kohle entfernt oder mit Asche bedeckt sind, weil ihn der Boden wärmt.

Der Bavli sagt uns zunächst die Definition vom Miliarium: Wasser auf der Innenseite, Kohle auf der Außenseite, oder andersherum nach einer anderen Lesart (das macht die Sache komplizierter). Der Grund warum man aus der Antichi nicht trinken darf ist: Weil ihn der Boden wärmt.

Es ist mir nicht gelungen festzustellen was ein Antichi ist. Vermutlich ist es ein Gerät aus der syrischen Stadt Antiochia. Die Beschreibung des Bavli passt auf das große Gerät aus Pompeji,da man die Kohle nach unten legt und den Kessel von oben reinhängt. Die Ansicht des Jeruschalmi ist mir nicht verständlich. Rambam sagt, dass es sich von selbst heizen würde, wenn man die Kohle entferne. Zwar passt es auf keines der erwähnten Geräte, doch bei Heron von Alexandria gibt es einen interessanten Automaten:
Aus Herons Pneumatica


Dieses Gerät funktioniert wie alle oben erwähnten mit der Besonderheit, dass im Wasserzylinder noch ein Zylinder sich befinden. Dieser Zylinder ist gefüllt mit heißem Wasser, das schnell verdampft. Der Dampf geht durch das Rohr und kommt aus dem Mund der Figur. Dabei heizt er die in der Mitte liegende Kohle mehr an. Die Röhre an der linken Seite dient dazu Kaltes Wasser nachzugießen. Dabei schiebt das kalte Wasser das heiße Wasser nach oben. Auf diese Weise kann man immer heißes Wasser abzapfen. Zwar glaube ich nicht, dass dieses Gerät mit Antichi gemeint ist, doch finde ich es trotzdem eine interessante Erfindung die Kohle durch Dampf anzufachen.  

Zuletzt muss man sich die Frage stellen warum ein Antichi problematisch ist. Auch wenn er sich von selbst heizen würde, oder durch seinen Boden, oder durch seien Wände, warum ist das ein Problem. Man darf doch heißes Wasser am Vorabend des Schabbat auf einem Herd stehen lassen, sodass es für Schabbat warm bleibt, warum darf man es bei einem Antichi nicht? Nach Raschi liegt das Problem, dass ein fällt es unter das Gesetzt von Wärmeisolierung durch das Einwickeln in etwas. Die Mischna in Schabbat 4 beschreibt Materialien, die zur Wärmeisolierung benutzt werden dürfen. Nach der Meinung von Ritva ist ein Antichi verboten, weil man das Wasser vor Schabbat nicht genügend gekocht hat und der Antichi das Wasser am Schbbat sehr stark wärmen wird. Nach Raschba ist es verboten, weil die Menschen daran gewohnt waren ein Antichi immer zu befüllen, sodass man vergessen es sei Schabbat und kaltes Wasser nachgießt. Letztendlich bleibt die Frage offen. 

In diesem Bild versteckt sich eine Authepsa

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